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Offener Brief

Offener Brief                                                           1.Mai,2020

Sehr geehrte Frau Merkel,

sehr geehrter Herr Scholz,

sehr geehrte Frau Karliczek,

 

Ich wende mich an Sie stellvertretend für etwa 1 Million Honorarkräfte , die in der Bildung tätig sind. Honorarkräfte, die in  prekären Arbeitsverhältnissen stehen und dies an Volkshochschulen oder anderen Bildungseinrichtungen  wie  Universitäten und Fachhochschulen. Für diejenigen von Ihnen, die nun überrascht sind oder zumindest so tun wollen, ja, Sie lesen richtig: immer mehr Dozenten und Dozentinnen selbst an Deutschlands Universitäten sind als Honorarkräfte tätig, da die von Ihnen verabschiedeten Gesetze dazu den Weg bereitet haben.

Haben Sie eigentlich irgendeine Vorstellung, was das bedeutet?

 

In vielen Fällen werden für eine 45-minütige Unterrichtseinheit 20.-€ gezahlt, das sind dann also 26,66 € /h, einschließlich der Vor- und Nachbereitung, die in den meisten Fällen noch einmal die gleiche Zeit in Anspruch nimmt.

Davon sind zu entrichten:

ca.19% Rentenversicherung

ca. 15 % Krankenversicherung

mind. 10%  Steuern., also insgesamt 44%, d. h. 11,73€.

Es bleibt also noch ein Netto-Stundenlohn von:14,92€.

 

Dieses Geld kann aber in der Regel nur in 8 Monaten des Jahre verdient werden, da die meisten Bildungseinrichtungen ca 4 Monate des Jahres geschlossen sind, entweder weil Schul- oder Semesterferien sind, das heißt, jedes Monatsgehalt muss für 1,5 Monate reichen.Die Ungewissheit, ob der nächste Kurs zustande kommt, lebt immer mit uns, genauso wie die Angst, krank zu werden, denn natürlich bekommen wir für nicht gehaltene Termine keinen Cent. Wir leben also alle mit dem vollen Risiko, und machen doch die Aufgaben, die so extrem wichtig sind und von Ihnen mit keinem Wort erwähnt werden.

Abgesehen von den Integrationskursen( die ja im Übrigen fast doppelt so hoch dotiert werden, obwohl dort die gleiche Arbeit geleistet wird, weil Sie das per Gesetz so verordnet haben), bilden wir Menschen an den Universitäten in den verschiedensten Fächern aus, bilden die Menschen in Sprach- und IT Kursen so aus, dass sie im Berufsleben wieder Chancen haben, bieten die Chancen auf nachzuholende Schulabschlüsse, und natürlich all die vielen Fertigkeiten sowohl im gesellschaftlichen wie auch im künstlerischen und politisch-bildenden Bereich und vieles mehr. Man könnte sagen: Systemrelevant, denn Millionen von Menschen haben Ihre Kompetenz durch uns erlernt.

Und dann kam Mitte März die Corona Krise: Alle Bildungseinrichtungen geschlossen, und ..... NICHTS. Nicht mit einem Wort werden diese Menschen auch nur erwähnt. Während Sie großen Konzernen, die gerade erst einmal fleißig ihre Aktionäre mit Dividenden versorgen, die Milliarden hinterherwerfen, ungeachtet der Tatsache, ob diese Konzerne vorher schon in massiven Schwierigkeiten waren oder auch nicht, finden diese Million Menschen bei Ihnen überhaupt keine Erwähnung.Lapidar erfahren wir, dass wir ja Soforthilfe beantragen können, bei der bis heute noch nicht geklärt ist, wofür sie genau zu verwenden ist, oder schließlich können wir doch Hartz IV beantragen.

 

Ist das Ihre Art der Wertschätzung? Nein, es zeigt leider nur allzu deutlich, wo Sie Ihre Prioritäten setzen. Und Hand in Hand damit geht das Verhalten der sogenannten Qualitätsmedien, die über leere Bordelle und gestrandete Segler auf St Martin berichten, wobei ich keinem dieser Menschen das persönliche Leid abspreche.

Dass die Bildungseinrichtungen und ihre Dozenten und Dozentinnen mit keinem Wort erwähnt werden, spricht Bände.

Längst hätten Sie die Chance ergreifen können und all den Menschen, die gerade nicht arbeiten können, die Chance auf Weiterbildung zu ermöglichen: Sie hätten beispielweise online Kurse durch die Bildungseinrichtungen finanzieren können mit einem doppelt positiven Effekt: Weiterbildung für die Einen, Arbeit für die Anderen. Aber auch in dieser Hinsicht: NICHTS!

Ich fordere Sie hiermit auf, deutlich Stellung zu beziehen und diesem Berufszweig den Stellenwert zukommen zu lassen, den er verdient, sowohl im   wertschätzenden   als auch im  monetären Sinn.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Kirsten Grunau